Formatfrage

»Wer schaut sich Bilder im Hochformat an?« Ja, ich fotografiere gern auch im Hochformat. Und wohl deshalb habe ich schon oft diesen Satz gehört. Unser normales Sehen, das Format unseres Schauens ist das Querformat. Daran sind wir also gewöhnt.

Die Standardhaltung bei Kleinbildkameras und Digitalkameras ist im Querformat. Nur professionelle DSLR-Kameras verfügen über einen Griff für das Hochformat. Das Querformat ist also systembedingt der Standard. Bei den früher beliebten Box-Kameras war dies nicht so. Die Agfa Box hatte ihren Auslöser an der linken Seite, der nach unten gedrückt wurde. Aufgrund der langen Belichtungszeit, musste die Kamera mit beiden Händen gehalten werden, was im Querformat schwieriger war. Vielleicht kommt meine Vorliebe für das Hochformat daher, war doch eine Agfa Synchron meine erste Kamera.

© Agfa Camera-Werk AG, München

Der Kompromiss zwischen dem Hoch- und Querformat ist das Quadrat. Klassische Mittelformatkameras wie die Hasselblad 500 oder schon früher die Rolleiflex belichteten auf den 120 Film mit 6×6.

Die erste Fotografie von Joseph Nicéphore Niépce ist im Querformat (25,8 x 29 cm)1. Ansel Adams fotografierte mit seiner 8 x 10 Kamera Boards and Thistles2, die Abzüge entstanden jedoch in Hochformaten als Silbergelatineabzüge. In der Historischen Gernsheim-Sammlung, die heute dem Harry Ransom Center, The University of Texas gehört, befindet sich ein Abzug im Format 23,1 x 16,7 cm3, das MoMA besitzt ein Abzug im Format 22,9 x 17,2 cm4 und Christie’s versteigerte 2013 einen Künstlerabzug von 1976 im Format 49,2 x 38,5 cm5.

Die obere Reihe zeigt die einzelnen Abzüge im Maßstab,
die zweite Reihe die Abzüge proportional übereinander gelegt.

Ansel Adams hat, wie man an den drei Abzügen sieht, sich bei Boards and Thistles nicht auf ein exaktes Format, bzw. Seitenverhältnis festgelegt. Neben der Frage, ob Hoch- oder Querformat, stellt sich auch die Frage nach den Seitenverhältnissen.

Die Auswahl des Bildformates ist Teil der Bildgestaltung. Von ihr hängt ab, ob ein Bild den Betrachter anspricht. Die Bildgestaltung sollte idealerweise schon vor der Aufnahme beginnen. Gesetzmäßigkeiten von Kompositionen lassen sich zwar erlernen, aber die fotografische Umsetzung bedarf ständiger Übung. Für diesen Blogbeitrag bin ich heute mit der Absicht losgegangen Bilder zu fotografieren, deren Aussage durch das Hoch- oder Querformat bestimmt werden oder gar verändert werden. Mit diesem Bewusstsein beginnt die Bildgestaltung schon bei der Aufnahme. Ich empfehle zum Nachvollziehen und Üben nicht auf Bilder in der eigenen Sammlung zurückzugreifen, sondern bewusst einen Fotospaziergang zu unternehmen, der zum Ziel hat, die entsprechenden Aufnahmen zu machen.

Das Rechteck

Fällt noch durch das Objektiv noch ein rundes Bild, wird dieses schon durch das Kameragehäuse und das Aufnahmemedium (Film oder Chip) in die Form eines Rechteckes gebracht. Deutlich wird dies, wenn an eine Vollformatkamera (FX) ein Objektiv, das für APS-C berechnet wurde (DX), angebracht wird. Bei den Aufnahmen ist dann zu sehen, dass der kleinere Bildkreis das Aufnahmeformat nicht vollständig abdeckt. Es kommt zu einer mehr oder minder starken Vignettierung.

Unter Umständen denken Sie sich jetzt, die Entscheidung für Hoch- oder Querformat ist doch einfach, sie wird vom Motiv oder Sujets vorgegeben. Heißt doch im Englischen nicht umsonst das Querformat Landscape (Landschaft) und das Hochformat Portrait (Porträt).
Nehmen Sie sich nun Papier und Stift zur Hand (oder wechseln in eine Textverarbeitung). Schließen Sie ihre Augen und denken an Querformat. Schreiben Sie anschließend ihre Gedanken dazu auf. Wiederholen Sie dies mit dem Gedanken an das Hochformat.

Schauen Sie sich nun die beiden nachfolgenden Bilder an und ergänzen ihre Liste.

Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Sie beim Querformat an Landschaftsbilder gedacht. Aber auch Dinge wie Horizont, Meer, Stand, Berge, Bank, Schiff oder Flugzeug werden häufig mit dem Querformat in Verbindung gebracht. Beim Hochformat dürfte Ihnen Menschen als Erstes in den Sinn gekommen sein. Mit dem Hochformat werden auch Türme, Masten, Straßenschilder oder Haustüren in Verbindung gebracht.

Wenn wir bei den Formaten an Objekte und die damit verbundenen Gefühle denken, können wir auch feststellen, wie diese die Bildaussage beeinflussen. Allgemein lässt sich sagen, mit dem Querformat bringen die Meisten die folgenden Begriffe in Verbindung:
Weite, Entfernung, Ruhe, Stille, Passivität, Normalität.
Begriffe für das Hochformat sind:
Enge, Nähe, Aktivität, Lärm, Aggressivität, Außergewöhnliches.6

Beim Betrachten eines Bildes im Querformat sehen wir uns wirklich nur als Betrachter, aus einer gewissen Distanz heraus. Unser Sichtfeld ist ein breites Oval, dem natürlichen Sehen entspricht also das Querformat. Somit ist das Hochformat außergewöhnlich.

Mit den Formaten lassen sich also gewisse Grundaussagen eines Bildes zum Ausdruck bringen. Diese können mit extremen Formaten verstärkt werden. Wird also das Seitenverhältnis verstärkt, wird gleichzeitig die Aussage verstärkt. Viel zu sehr sind wir an »Formate« gebunden. Papierformate beim Ausdruck, beim Belichten durch den Fotodienstleister, Formate beim Bildschirm, Formate für den Upload in soziale Medien beeinflussen uns. Aber die Bildaussage sollte im Vordergrund stehen. Ausdrucke und Ausbelichtungen auf Standardformate können Sie zuschneiden. Passepartouts gibt es heute günstig auch auf Ihr Wunschformat zugeschnitten online zu günstigen Preisen, Sie benötigen also keinen Passepartoutschneider mehr. Ein kleines Foto wird auch oft auf einen Träger montiert, damit es in einem größeren Rahmen präsentiert werden kann. Wenn eine Webseite ein Format vorgegeben hat, dann können Sie auch ihr beschnittenes Foto auf einer Ebene platzieren und dann als ein Bild in der erforderlichen Größe abspeichern.

Um den Ausschnitt zu bestimmen, nutze man früher Winkelmasken aus schwarzem Karton. Im analogen Bereich ist dies immer noch eine gute Methode. Digital geht das natürlich einfacher. In Lightroom lege ich mir virtuelle Kopien an (Befehl + T) und beschneide diese in verschwenden Versionen.

Achten Sie beim Beschneiden mit dem Freistellwerkzeug darauf, dass hinter Seitenverhältnis beibehalten das Schloss geöffnet ist.

Denn nur so können Sie extreme Seitenverhältnisse ausprobieren. Im Navigator erhalten Sie schon beim Beschneiden einen Überblick über das Ergebnis.

Achten sie in der Diashow unten darauf, wie sich durch die Änderungen der Formate die Bildaussagen ändern. Alle Bilder wurden mit den gleichen Einstellungen entwickelt. Zwischen den Bildpaaren ändert sich lediglich der Bildausschnitt. Das erste Bildpaar hat das gleiche Seitenverhältnis von 2:3. Die weiteren Bilder haben unterschiedliche Seitenverhältnisse, um die Wirkung eines extremeren Seitenverhältnisses zu demonstrieren.

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Auf dieser Seite können Sie die Dia-Show auch im Vollbildmodus (bessere Qualität) starten.

Ich wünsche viel Spaß beim Üben. In einem der nächsten Beiträge werde ich die Seitenverhältnisse beleuchten.


    1. Die Geburtsstunde der Fotografie, Kehrer Verlag Heidelberg, 2010, S. 99 ↩︎
    1. Ansel Adams and the American Landscape: A Biography, Jonathan Spaulding, University of California Press, 1998, s. 91 ↩︎
    1. Datenbank des Harry Ransom Center, abgerufen am 15.01.2017 ↩︎
    1. Homepage des MoMA, abgerufen am 14.01.2017 ↩︎
    1. Homepage des Auktionshauses, abgerufen am 14.01.2017 ↩︎
  1. vgl. Photokollegium 1, Jost J. Marchesi, Verlag Photographie, 4. Auflage 1985, S. 101 ↩︎

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